Arnold Stadler
ADVENT UND APOKALYPSE

Zu einem Bild und
VERONICA VON DEGENFELD


In einem schönen Buch, das ich nach Indien mitgenommen hatte, wo ich von Ende Januar
bis Anfang März Anno Domini 2010, ja: lebte, stieß ich auf den Satz:


”Es gibt kein Geheimnis dort,
wo es nicht etwas zu wissen gibt,
das Geheimnis ist da,
wo es ein Mehr zu wissen gibt
als es unserem Verstehen gegeben ist.”
- Jacques Maritain


Und ich schrieb dazu: Wunderbar! Bombay, Mariae Lichtmeß 2010.


Das Buch hieß einfach und schlicht: “Veronica von Degenfeld” und hält die Ereignisse und Ergebnisse eines Mal- und Denk- und Findungsprozesses in Bildern fest.
Und auch ich empfand und empfinde, dass dieser Satz von Maritain, der eigentlich der Analogia Entis zu-gedacht ist, auch ein Schlüsselsatz zum Werk der Malerin Veronica von Degenfeld sei. Und dass die Bilder, die ich von Veronica von Degenfeld sah, genau diesem Satz entsprächen. Und dass in großen oder kleinen Formaten jeweils die Größe einer Kunst, welche Geist und Welt, Himmlisches und Irdisches vereint, vergegenwärtigt sei.
Ich dachte, nein: sah, daß dies auch in den meisterlichen Zeichnungen der Künstlerin zum Vorschein käme.
Und dass Geist und Leben und Malen und Arbeiten hier aufs Schönste in eins flössen.

Das ist fast schon alles, was ich sagen kann, denn, ein Bild vergegenwärtigend, können ja Wörter und Sätze leicht zu einer Inflation geraten. Zumal, wenn ein Schriftsteller etwas sagen möchte, wird er sehr vorsichtig sein und wissen, dass ein Bild für sich selbst spricht und eigentlich keiner Ergänzung bedarf. 

Vielleicht hat der Schriftsteller aber doch den Wunsch einer Übersetzung in seine Sprache; und wie bei allen Übersetzungen, bleibt das Eigentliche zurück und ungesagt.


Da müssen wir uns schon an das Original halten. Und doch:
Ich muß es einfach sagen, wie andere auch, die Arbeiten von Veronica von Degenfeld gesehen haben, wie sehr sie mich zum Aussprechen des Wortes “schön” drängen, ja ermutigen, zu diesem schönen alten Wort, das doch aus dem Kunst- wie Lebensvokabular verbannt zu sein scheint und im Besteck eines Kritikers nicht mehr vorkommt.


Meine Augen genügten mir, zu sagen, wie sehr ein einziges Bild von Veronica von Degenfeld, das verworfene Wort “schön” zu rehabilitieren, ja zu retten vermag.

Meine Sätze sind alle an diesem Bild entlanggeschrieben. Und an meiner Erinnerung, die Bilder, die ich sah, vor Augen.
Es ist ein lichthaftes Bild, kreisend um jenes größte Geheimnis, das im Titel des Bildes zur Sprache kommt. Es heißt: La Vastitude de Dieu (170 x 300 cm, Öl auf Leinwand)
Dieses Geheimnis wird hier sichtbar gemacht, ja, kommt zum Vorschein.

Vastitudo, 2009, 170 x 300 cm, Öl auf Leinwand

Es wäre ja kein Geheimnis, sondern ein Rätsel, könnte es gelöst werden. Das wäre dann eine Banalität, wie alles zu Lösende, wenn es gelöst ist, ein Kreuzworträtsel, zum Beispiel.
Dieses Geheimnis jedoch, auf das hier in den leuchtendsten Farben und grundsätzlichsten Formen und Zeichen (“das Runde”), zum Beispiel, bleibt, was es ist: Geheimnis. Und ein Widerschein.

Sätze sind eigentlich Bestätigungen, Empfangsbestätigungen, wie bei der Post.

Daß etwas angekommen ist. Und wie! - Und Bilder sind es auch.
Aber keine Vereinnahmungen! Danksagungen sind es auch.
Jedenfalls fiel mir bei “La Vastitude de Dieu” dieses Wort ein.
Aber wie genau? An sich genügen zwei Augen.
Zuerst fiel mir das Wort “leuchtend” ein. Dann das Wort “da”. Und - diese beiden Wörter vereinend: “Ja”.
Beides reimt sich.

Es ist ein einziges Ja-Sagen. Als reimte sich alles auf Ja. Und eine einzige Freude. Auch für mich. Denn in der Malerei, und auch in den Büchern, auch meinen eigenen, ist der Schmerz die Hauptperson, gibt es einen “Neigungswinkel zum Verstummen”. Und das Hauptereignis, Pfingsten, die Inspiration, das Fest?

Hier kann ich das Verlorengeglaubte wieder sehen. Und wie es im Psalm heißt: Du hast mir die schwarzen Kleider ausgezogen. Die Welt leuchtet wieder, und so wird sie hier gemalt und gezeigt.

Freudenöl statt Trauergewand, 2013, 140 x 150 cm, öl auf Leinwand

Wir müssen doch davon Zeugnis geben. Das ist der Gabe geschuldet, die wir mitbekommen haben, unserer sogenannten Begabung, in diesem Fall: einzustimmen mit allen Farben und Formen in den Jubel darüber, dass es etwas gibt und dass wir etwas geschenkt bekommen haben. Als wären wir Amseln, die singen können, - oder schreiben oder malen. Und die nicht wüssten, warum, wenn sie es nicht wüssten, woher.
Dieses Bild ist auch eine Erinnerung daran, und eine Einladung, sich zu freuen:


“Ich will dem Herrn singen und spielen, ein Leben lang.
Möge Ihm mein Lied gefallen.“


So heißt es im Buch der Psalmen, und ich empfinde, nein: sehe, dass die Malerin auf diesem Weg ist, und von daher im Leben steht und auf ihre Weise antwortet, indem sie, zum Beispiel ein solches Bild gemalt hat. Es ist keine Vereinnahmung des Göttlichen, sondern eine Vergegenwärtigung, wohl wissend, dass das göttliche Geheimnis größer ist als alles, was gemalt und gesagt werden kann.

So wie jene einzelnen Bäume, die in der Erde wurzeln und dem Himmel entgegenwachsen, hat auch diese Künstlerin mitten in der Lichtung eines Waldes einen Lebensraum: ihr Atelier.
Es wäre auch ein wunderbarer Ort zum Schreiben, wenigstens für einen Schriftsteller, der es nicht scheut, mit der Welt der Natur konfrontiert zu werden, auf ihre Stille zu hören. Mit ihren Jahreszeiten und ihrem Himmel zu leben. 

Mag sein, dass ab und zu ein Traktor oder ein Geländewagen vorbeiführe.Ein Schuß könnte auch zu hören sein. Aber nur zu Zeiten der Jagd. Das ist irgendwo im Herzen Schwabens, zugleich auch in der Welt, mitten auf der Welt.


In der Mitte, das ist die genaueste Angabe, die ich machen kann, im Zentrum, und nicht irgendwo am Rand.

Die Mitte ist da, wo die Künstlerin sich an die Arbeit macht, und das Malen selbst als Übung versteht, als ein Weitermalen, in das Himmlisches und die Farben der Erde einfließt.
Meditieren, ja Beten kann Malen sein. Oder soll ich es auch so sagen: Daß auch Malen eine Weise des Betens ist? Oder die Fortsetzung des Betens mit anderen Mitteln?
Da steht sie also und malt. Erwartungsvoll. Auf Leinwände, die manchmal größer sind als sie. Und schon hier zeigt sich, dass man differenzieren muß. Schon das Wort “groß” hat im Kleinen ganz unterschiedliche Bedeutung.


Advent und Apokalypse

Während Advent in unseren Augen und Ohren immer noch etwas mit der großen Hoffnung zu tun hat, wurde das Wort Apokalypse in unserer Zeit, die vor allem durch den Bilderrausch bestimmt ist, durch das Kino und Fernsehen der Mainstream-Gesellschaft von heute in seiner Bedeutung umfunktioniert..
Sehr wohl von der ursprünglichen Vorstellung von Apokalypse, dem letzten Buch des Neuen Testaments herkommend, aber -wie die Welt auch- beraubt ihrer geistigen Dimension, säkularisiert, verweltlicht. Und so ist “Apokalypse” in der heutigen Zeit nichts anderes als eine Folge von Schreckensbildern und Alpträumen, die Zukunft unserer Außenwelt betreffend, veroberflächtlicht nach außen auf die Bildschirme gespült.
Sodaß wir, wenn wir dabei bleiben, nur noch die Oberfläche haben von etwas und sonst nichts mehr.


Mit der wahren Apokalypse verhält es sich aber ganz anders:

Im Buch der Apokalypse, das ein Trostbuch ist, welches am Ende der gesamten Heiligen Schrift steht, wie sie die Christen, die das Evangelium, die Frohe Botschaft glauben, enden die Visionen und Auditionen, die Johannes empfangen und vernommen hat, mit einem zuversichtlich-universalen, großen Ja.
“Ja, ich komme bald - Amen. Komm, Herr Jesus! - Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen.”
Und am Anfang hieß es:” ginou pistos achri tou thanatou, kai doso soi ton stephanon tes zoes: Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.”

So ist also der Mensch auf einem Weg, ausgerichtet auf ein Ziel, lebt zwischen Advent und Apokalypse. Manchmal bang, aber von einer adventlichen Hoffnung. Erwartungsvoll.
Lebend in der jeweiligen Tlipsis (Bedrängnis) seiner Zeit, denen schon die konkreten Menschen und Gemeinden in Kleinasien ausgesetzt waren. Die Tlipsis wird aber durch Hypomone (Durchhalten) gemeistert und mündet im letzten Wort - JA des Buches.

Die Apokalypse ist kein Hollywoodfilm, auch wenn die meisten User im Net zuerst darauf stoßen mögen, ist kein Untergangsszenario, sondern geradezu das Gegenteil:
die den Menschen gegebene trostreiche Zusage, dass es nicht aus ist, wenn alles aus ist, wenn es mit der vorläufigen Welt zu Ende ist.
So viel zum Buch der Apokalypse.


Und was hat das alles mit den Bildern zu tun?
Das Malen und Weitermalen ist eine schöne, lebenslängliche Aufgabe, die diese Künstlerin meistert, und gipfelt auch in einem Ja. So gesehen verleiht diese Arbeit der Zuversicht ein Gesicht und einen Ausdruck, dass schließlich nicht Nein, das Hauptwort des Bösen-- das letzte Wort ist, sondern Ja. --- Das letzte Bild der bilderreichen Apokalypse, welche die Maler vergangener, großer Zeiten anregte, wie kaum ein anderes Buch, ist ja eine Umsetzung des Wortes “Ja”.
Und so sind die Bilder von Veronica von Degenfeld, sie kommen meinen Augen entgegen, sprechen zu mir, und was ich höre und sehe, ist ein einziges großes “Ja”.
Die Parallele zu dem heutigen Leben ist offenbar.
Schön, dieses fast ungültig gewordene, umgelogene Wort, ist das begleitende Hauptwort, das mir zu diesen Bildern einfällt.

Veronica von Degenfelds Bilder sind in dieser währenden Tradtion des menschlichen Ja-Sagens verankert und leben und blühen von da in allen Farben, die noch ein Geschenk des Himmels und seines Lichts sind, und nicht irgendeines.


Sie vermag uns mit der Freude auszustatten, in der auch immer eine Vorfreude enthalten ist - und das Glück des währenden Gewesenen.
Die kunstkritischen Kampfbegriffe von “abstrakt” und “gegenständlich” verlieren ihren Sinn im Blick auf diese Bilder. “Konkret” würde ich sagen.
Und: “Vergegenwärtigung”. Auch Vergegenwärtigung des Geheimnisses, das wir wohl erkennen, aber nicht vereinnahmen können. Es hat uns, nicht umgekehrt.

Summa:
Ein großes Ja-Sagen ist da am Werk, war es, auch ein lobendes Nachzeichnen und Vergegenwärtigen des unauslotbaren, immer wieder zum Vorschein kommenden Geheimnisses von so etwas Einmaligem wie der Schöpfung Gottes, ein für alle Mal.
Von Anfang bis Ende.
Ja, diese Bilder sind ein Joint Venture aus Advent und Apokalypse.
Und auch ich möchte dieser Künstlerin danken dafür, dass sie mir gezeigt hat, wie schön es sein kann und ist, Ja zu sagen.

Ja

Aber vielleicht war die Liebe selbst nichts anderes als dies:
das Warten auf die Liebe.
“ Ja. Komm Jesus. Komm bald “

Ich glaube, also bin ich.
Ich hoffe, also bin ich.
Ich liebe, also bin ich.

Ich sage ja, also bin ich.
Ich male, also bin ich.

Finis

Dein Antlitz suche ich, 2024, 30 x 40 cm, Öl auf Leinwand