Alchimistenkunst

In Yquem lernte ich vor vier Jahren durch einen Zufall Veronica von Degenfeld kennen.

Auf dem Wege zur Schlosskapelle, um die Restaurationsarbeiten der Wandmalereien zu bewundern, hatte ich mich im Labyrinth der Flure verlaufen. So stieß ich auf ein Maleratelier.
Ich erinnere mich noch, einige Minuten lang sprachlos gewesen zu sein. Was mich auf Anhieb anzog, war die Vitalität dieser Gemälde, die Feuer und Farben sprühten, die vor allem aber ein inneres Licht ausstrahlten.
Diese Gemälde hatten zudem die Besonderheit, wunderbar mit der Atmosphäre Yquems zu harmonieren, eine ruhige und herrliche Art, der Zeit zu trotzen.

Die Künstlerin war hinter einem Rahmen aufgetaucht, zierlich und energisch, ihren Pinsel anmutig in den Fingern haltend wie einen Zauberstab. Dies verwundert nicht, denn ihre Gemälde besitzen eine geheime magische Verwandlungskraft. Diese Macht kann Züge der Alchimie annehmen.
Diese Fee hier war kein imaginäres Wesen; mit offensichtlicher Freude maß sie sich mit der Materie, mit der Härte und Geschmeidigkeit der Farben, denn - dies wird oft vergessen - wenn das Malen eine Aktivität des Geistes ist, so ist sie doch auch eine Kunst der Oberfläche, eine Art und Weise, die Oberhand über eine ebene Fläche zu gewinnen, eine höchst praktische Tätigkeit, welche die physische Seite und die tiefsten Empfindungen des Wesens beansprucht.

"Ich will das Porträt eines Yquem - Jahrgangs malen."

"Wie malt man einen Wein?" hatte ich erstaunt gefragt.

Sanft hatte sie richtiggestellt:

"Nicht abbilden, sondern transponieren."

Die sichtbare Welt des Weinbergs und des Weins zu übertragen, das ist das Ziel, welches sich Veronica von Degenfeld gesetzt hat.
Nicht zufällig hat sie mit dem geheimnisvollsten der Weine beginnen wollen, der eine der schönsten Metaphern des Schöpfungsaktes darstellt:

Sterben um aufzuerstehen.

Ganz selbstverständlich kehrt man wieder zur Alchimie und ihrer Symbolsprache zurück. Die Edelfäule ist eine Metamorphose.
Sie veredelt die Traube und überführt sie aus der Verwesung in einen kostbaren Zustand, indem sie das Leben im Tod neu entfacht.

Scheinbar ist nichts leichter als das Gold eines Sauternes wiederzugeben, der sich beim Altern in tausenderlei Bernsteintöne differenziert. Doch nicht dies hat sich die Künstlerin zum Ziel gesetzt.

Kunst ist nicht Natur.

Angesichts der Wirklichkeit gestaltet sie neu. Sie lässt sich nicht gefangen nehmen von den Gesten des Weinbergs und des Weines;
sie verklärt sie, um uns zu helfen, sie besser zu verstehen.

In der Bibel ist die Verheißung des Weines Zeichen des Segens, Bild des Reichtums, Übereinstimmung mit dem Engagement Gottes.
Für Veronica von Degenfeld ist der Wein, den sie darstellen möchte, nicht so sehr Symbol für das Blut Christi und seines Opfers als vielmehr Ausdruck seiner Herrlichkeit.

Diese frischen Töne, diese Vitalität, die ihren Bildern entspringen, halten sie endgültig von jeder Verherrlichung von Schmerz fern.
Wie Pierre Bonnard, den sie bewundert, ist Veronica von Degenfeld Malerin des Glücks und der Lebenslust. In dieser Zeit des Nihilismus, in der die Wirklichkeit absorbiert wird durch den Schein, malt sie die Beschaffenheit und die Würze der einfachsten und alltäglichsten Dinge. Keinerlei anrüchige Mehrdeutigkeit liegt in ihrem Vorhaben. Eine tiefe Freude durchzieht ihre in leuchtenden Farben gehaltenen Bilder, als ergieße sich eine ihrer Palette entspringende lichtvolle Quelle ganz natürlich vor unseren Augen.
Diese Natürlichkeit und Spontaneität müssen gewürdigt werden. Die begeisterten Augen Veronicas von Degenfeld sind vertrauensvoll ohne jedoch leichtgläubig zu sein. Diese Symphonie der Farben in zugleich diskreten und aromatischen Tönen ist das Ergebnis eines Berufes und einer Meisterschaft.
Bei ihr findet sich eine Seite, die einen Beruf und eine Technik ausübt ohne jemals das Ziel aus den Augen zu verlieren, das sie sich gesetzt hat: "den Zauberspiegel der Wirklichkeit zu durchschreiten", wie Proust formuliert.
Daher diese greifbare und berührbare Malerei von Fleisch und Blut, die ihre Alchimistenkunst nur noch geheimnisvoller macht.

Jean-Paul Kauffmann